Visualisierungsstrategien des doing normality

Die normative Kraft wissenschaftlicher Bilder soll nachfolgend am Beispiel der Medizin erläutert werden. Hierzu wird das Bild als Ereignis in den Vordergrund gerückt und erklärt, wie kleinteilig und nachhaltig sich das doing normality auf die Bildpraxis auswirkt, indem es »spezifische Umgangs- und Gebrauchsweisen nahelegen oder provozieren« [1] kann.

Inszenierung des wissenschaftlichen Bildes

Das Prinzip der Sparsamkeit muss hierzu um den Verweis auf den experimentellen Herstellungskontext von wissenschaftlichen Bildern erweitert werden. Denn bevor ein Bild entsteht, bedarf es einer präzisen Versuchsanordnung: Das Objekt wird in Szene gesetzt, präpariert für den bevorstehenden Auftritt. Die Apparaturen werden gestartet und laufen sich warm, Testbilder werden angefertigt und die Position des Objekts variiert. Nicht jeder Körper eignet sich, um im Kernspintomograph untersucht zu werden. Größe und Gewicht spielen hierbei eine wesentliche Rolle [2].
Die Körper müssen sich der Apparatur anpassen, nicht die Apparatur den Körpern. Und auch das Personal wird dazu angehalten, seinen Körper für die Zeitdauer der Untersuchung unter Kontrolle zu halten und spezifische räumliche Arrangements nicht zu verändern.
Auf diese Weise entstandene »Bilder sehen aus, als […] handele es sich um eine neutrale Darstellungsform. Sie präsentieren sich auf betont sachliche Weise, die keine Rückschlüsse auf Eingriffe der Forscher während der Bildherstellung zuließ.« [3] Das fertige Bild umgibt eine Aura des Natürlichen, gleichzeitig aber präsentiert und produziert es eine Ordnung oder »Normalität, die einen beträchtlichen normativen Gehalt hat« [4].

Soziotechnische Konstellation

Doch nicht allein die Apparate stehen im Mittelpunkt der Analyse des doing normality, auch die sozialen Aspekte der medizinischen Praxis haben enormes Gewicht. Eingeführt wird deshalb der Begriff der soziotechnischen Konstellation. Unter diesem ist in erster Linie »die Interaktion von Menschen und Technologien an Arbeitsplätzen in komplexen Organisationen« [5] zu verstehen. Die in der Wissenschaft häufig zum Einsatz kommenden Technologien der Bilderzeugung sowie die professionellen Arbeitsweisen mit diesen Apparaturen werden also in ihrer Wechselbeziehung begriffen, deren Resultat ein bildliches Ereignis beziehungsweise Erzeugnis darstellt. Besonderes Augenmerk liegt bei diesem Analyseansatz auf der »praktischen Performanz« [6].
Durch »Interaktivitäten zwischen der Visualisierungsapparatur, den Untersuchenden und den Untersuchten« [7] werden Körper produziert und aktualisiert, die Ausdruck eines komplexen biomedizinischen Diskurses sind.
Im Moment der Untersuchung wird das Untersuchungsobjekt, der menschliche Körper oder Teile desselben, durch die »Verschaltung von Körper und Visualisierungsapparat« [8] im soziotechnischen System (re-)produziert. Der technologische Aspekt der medizinischen Bildpraxis bewirkt dabei sowohl eine Technisierung des Blicks als auch der Körper und des Verhaltens [9].

Der Zugriff auf den Körper

Bei einer Untersuchung, die unsichtbare physikalische Vorgänge im Inneren des menschlichen Körpers sichtbar machen soll, kommen Visualisierungsstrategien zum Einsatz, die der von Foucault beschriebenen ›Mikrophysik der Macht‹ zugerechnet werden können, da sie den menschlichen Körper und Geist bis hin zu unauffälligsten Erregungszuständen beeinflussen.
Es geht stets um die »Angleichung an eine körperliche Norm« [10]. Der medizinische Körper wird zugerichtet, kontrolliert und normiert, bis er die gewünschte visuelle Präsenz erreicht.
Burri spricht in diesem Zusammenhang auch von der »Durchsetzungsstrategie einer westlichen Biomedizin, als Realisierung eines technisierten und verwissenschaftlichten Zugriffs auf den Körper« [11]. Es kommen hier also auch intersektionale Machtkonstellationen zum Tragen, insofern die Norm weiß und männlich ist.
»Um zu sehen, muß man wissen, was wesentlich und was unwesentlich ist, […] muß man darüber orientiert sein, zu was für einer Kategorie der Gegenstand gehört.« [12]
Dies insbesondere, wenn es sich um aussagekräftige oder beweisführende Visualisierungen handelt, die eine bestimmte Information übermitteln sollen, die wiederum von den Laien (Patient:innen) oder einem Fachpublikum so und nicht anders verstanden werden sollen. Nur auf diese Weise kann sichergestellt werden, dass das Bild und sein zu vermittelnder Inhalt ›richtig‹ wahrgenommen werden.
Ein ›richtig‹ gelesenes Bild weist innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft einen entsprechend hohen normativen Gehalt auf, entspricht also den ästhetischen, materiellen und letztlich visuellen Konventionen. Darüber hinaus entscheidet es in nicht wenigen Fällen über die Attribuierung als krank oder gesund, normal oder anormal.
Im Bilderkanon der Medizin – wie in anderen Disziplinen – finden sich deshalb auffallend ähnliche Bilder, die durch Prozesse der Normierung entstanden sind. Auf Kongressen wird darüber diskutiert, welche Wissenschaftler:innen das ›schönere‹ Bild vorweisen können. Dies zeugt einerseits von dem enormen »Informations- und Unterhaltungswert« [13] wissenschaftlicher Bilder, andererseits ist das ›schönere‹ Bild wiederum auch dasjenige Bild mit dem höheren Wahrheitsgehalt.

[1] Burri, Regula Valérie (2008a): Doing Images. Zur Praxis medizinischer Bilder, Bielefeld: transcript, S. 50. Es wird vornehmlich auf die Ideen Regula Valérie Burris Bezug genommen, deren verschiedene Veröffentlichungen das Thema doing images abhandeln.
[2] Vgl. Burri, Regula Valérie (2006): Die Fabrikation instrumenteller Körper. Technografische Untersuchungen der medizinischen Bildgebung. In: Werner Rammert & Cornelius Schubert (Hg.), Technografie. Zur Mikrosoziologie der Technik, Frankfurt; New York: Campus, S. 425-442, S. 429ff.
[3] Heßler, Martina (2007): Die ›Mona Lisa der modernen Wissenschaften‹. Die Doppelhelix-Struktur als kulturelle Ikone. In: Alexander Gall (Hg.), Konstruieren, Kommunizieren, Präsentieren. Bilder von Wissenschaft und Technik, München: Wallstein Verlag, S. 291-318, S. 304.
[4] Heintz, Bettina/Huber, Jörg (2001): Der verführerische Blick. Formen und Folgen wissenschaftlicher Visualisierungsstrategien. In: Dies. (Hg.), Mit dem Auge denken. Strategien der Sichtbarmachung in wissenschaftlichen und visuellen Welten, Wien; New York: Springer-Verlag, S. 9-42, S. 24.
[5] Schubert, Cornelius (2006): Die Praxis der Apparatemedizin. Ärzte und Technik im Operationssaal, Frankfurt; New York: Campus Verlag, S. 114.
[6] Ebd., S. 115.
[7] Burri 2006, S. 426.
[8] Ebd., S. 436.
[9] Vgl. ebd., 429ff.
[10] Ebd., S. 432.
[11] Ebd., S. 430.
[12] Fleck, Ludwik (1983): Schauen, sehen, wissen. In: Ders., Erfahrung und Tatsache, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 147-175, S. 148.
[13] Burri, Regula Valérie (2001): Doing Images. Zur soziotechnischen Fabrikation visueller Erkenntnisse in der Medizin. In: Bettina Heintz & Jörg Huber (Hg.), Mit dem Auge denken. Strategien der Sichtbarmachung in wissenschaftlichen und virtuellen Welten, Wien; New York: Springer-Verlag, S. 277-305, S. 293.

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