Raumkonzepte in der Soziologie

Was ist Raum in der Soziologie? Welche Raumkonzepte gibt es und wie lassen sich Räume soziologisch greifen? Worin besteht der Unterschied zwischen sozialem und materialem Raum? Ist der soziale Raum Materie oder Gedanke? Ist der Raum wandelbar?

Raumblindheit

In den letzten Jahren konnte die ›Raumblindheit‹ der Soziologie nicht zuletzt durch den so genannten Spatial Turn [1] und der damit einhergehenden Erforschung von den Raum betreffenden Phänomenen weitestgehend ›geheilt‹ werden.
Der Raum rückt im »Spannungsfeld zwischen Diskurs und gesellschaftlichem Produktionsprozess« [2] immer häufiger in den Blick und kann als Produkt soziokultureller Praktiken in seiner Wandelbarkeit und Mehrdimensionalität erfasst werden.

Relationale und statische Räume

Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass sich die Soziologie überwiegend im Rahmen von stadt- oder regionalsoziologischen Untersuchungen mit dem Phänomen des Raums beschäftigt. Dabei kommen meist zwei verschiedene Raumvorstellungen zum Tragen, die vor allem durch Erkenntnisse der Naturwissenschaften und Philosophie beeinflusst wurden.
  • Einerseits werden Räume seit antiker Zeit als Container oder Behälter aufgefasst, in denen »Dinge und Menschen aufgenommen werden können und ihren festen Platz haben.« [3]
  • Dieser Vorstellung gegenüber steht jene vom relationalen Raum. Hier wird Raum als fluides und wechselhaftes Konglomerat aus Handlungen, Bedeutungsmustern und materialen Strukturen verstanden und verweist folglich auf die bereits angesprochene immaterielle Bedeutung des Raums.

Kritik am Dualismus des Raums

Eine solche Betrachtungsweise reicht zwar über die rein materielle Konstitution und Funktion von Räumen hinaus, es bleibt jedoch auch hier unbestritten, »dass sich bisher noch jeder soziologische Versuch zum physisch-materiellen Raum irgendwie verhält« [4] bzw. verhalten muss.
Die ausschließliche Untersuchung der sozial bedingten Relationalität der in Räumen anzutreffenden Phänomene kommt also nicht an der ›Massivität‹ des Raums vorbei.
Denn der Raum selbst ist durch seine Materialität an der Hervorbringung von Bedeutungsstrukturen, seiner kulturellen und sozialen Funktion als ›strukturierende Struktur‹ [5], beteiligt.
Sinnvoll erscheint es daher, beide Raumkonzeptionen, die des Container-Raums und des relationalen Raums, gleichgewichtet in die Forschungsarbeit einzubeziehen, mithin den Raum als ein Konzept zu begreifen, das aus einer Vielzahl »ideeller und materieller Substrate« [6] besteht.

Pluralistisches Verständnis von Raum

Das dieser Studie zugrunde liegende Raumkonzept versteht den Raum demnach keineswegs als Universalbegriff, ganz im Gegenteil. Es liegt nahe, nicht von dem einen Raum zu sprechen, sondern allenfalls »von Raumbegriffen oder Raumkonzepten« [7], d.h. den Plural zu verwenden, um der Vielgestaltigkeit und Dynamik von Räumen gerecht zu werden.
Erst eine solche Betrachtungsweise ermöglicht es, Räume sowohl in ihrer Materialität, entsprechend ihrer baulichen Struktur, als auch in ihrer kulturellen ›Gewordenheit‹ zu erschließen und somit den Konstruktions- und Produktionsmomenten nachzuspüren.
Dadurch ließen sich Räume auch in Hinsicht auf ihre immanenten Machtstrukturen hin untersuchen. Denn betrachtet man diese als Ausdruck eines historisch-spezifischen kulturellen Codes, so wird die Bedeutung der von ihnen verursachten Grenzziehungen als Ausdruck von Machtkonstellationen sichtbar und ermöglicht eine Analyse der Normierungsstrategien, die diesen zugrunde liegen. [8]

[1] Vgl. u.a. Döring, Jörg/Thielemann, Tristan (Hg.): Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Bielefeld 2008.
[2] Bachmann-Medick, Doris: Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, Reinbek 2009, S. 285. Vgl. Döring, Jörg/Thielemann, Tristan (Hg.): Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Bielefeld 2008.
[3] Schroer, Markus: „Bringing space back in” – Zur Relevanz des Raums als soziologischer Kategorie, in: Döring, Jörg/Thielemann, Tristan (Hg.): Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Bielefeld 2008, S. 135. Vgl. auch Schroer, Markus: Räume, Orte, Grenzen. Auf dem Weg zu einer Soziologie des Raums, Frankfurt a.M. 2006.
[4] Ebd., S. 133.
[5] Anknüpfend an Pierre Bourdieus Habituskonzept lässt sich sagen, dass die ›Körperlichkeit‹ bzw. die Materialität des Raums sozial konstruiert ist, weil darin soziale Strukturen und Verhältnisse eingeschrieben sind und ihn quasi in seiner eigenen Geschichte verankern.
[6] Sturm, Gabriele: Wege zum Raum. Methodologische Annäherung an ein Basiskonzept raumbezogener Wissenschaften, Opladen 2000, S. 11.
[7] Läpple, Dieter: Essay über den Raum, in: Häußermann, Hartmut et al. (Hg.): Stadt und Raum. Soziologische Analysen, Pfaffenweiler 1991, S. 164.
[8] Vgl. Löw, Martina: Differenzierungen des städtischen, Opladen 2002; Wehrheim, Jan: Der Fremde und die Ordnung der Räume, Opladen 2009.

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