Disability Studies in Deutschland

Im September 2025 gibt die Universität zu Köln – die größte Präsenzuni des Landes – bekannt, wie sie die Sparmaßnahmen des Landes NRW umsetzen wird. Insgesamt betragen die Kürzungen 10 Millionen Euro. Wie die Universitäten diese Sparvorgaben erfüllen, bleibt ihnen selbst überlassen. Sie setzen also mit der Auswahl ihrer Sparziele ein deutliches Zeichen dafür, welche wissenschaftlichen Felder sie für weniger relevant erachten, welche Forschungszweige sie für verzichtbar halten.

Noch im Juli versicherte die Uni-Sprecherin: »Unser Ziel ist es, strukturelle Verwerfungen – wie etwa die Streichung von ganzen Fächern oder Studiengängen – zu vermeiden« (KStA vom 10.07.2025). Und der Rektor Joybrato Mukherjee beschrieb das Profil der Kölner Uni bei seinem Amtsantritt im Jahr 2023 noch so: »Wir haben aber auch viele sogenannte kleine Fächer, die für das Profil auch wichtig sind und die die universitas (lateinisch für die Gesamtheit, Anm. d. Red.) ausmachen.« (KStA vom 29.10.2023)

Obwohl also Vielfalt und Diversität zum Wissenschaftsstandort Köln dazugehören und Exzellenz gerade auch durch kleinere oder weniger ›mainstreamige‹ Forschungszweige entsteht, verkündet die Unileitung Ende 2025 folgendes Urteil:

  • Politikwissenschaften: »So sollen 50 % der strukturellen, personalbezogenen Kürzungen der gesamten Fakultät auf das Department Political Science entfallen, das kleinste Institut der Fakultät. Das würde nicht nur den Wegfall einer geplanten Professur bedeuten, sondern nach Willen des Dekanats auch zur Einstellung des M. Sc. Political Science führen.« (Petition zum Erhalt)

Disability Studies vor dem Aus

Neben der Streichung des Lehrstuhls für Disability Studies in Köln wurde im gleichen Zeitraum die Trägerschaft und Finanzierung des Zentrums für Disability Studies und Teilhabeforschung in Hamburg nicht verlängert. »Damit sind zwei von lediglich drei existierenden Disability Studies-Einrichtungen in Deutschland in ihrer Existenz akut gefährdet, obwohl international mehrere hundert entsprechende Programme an Hochschulen etabliert sind.​« (ZeDiSplus) Übrig bleibt noch das Bochumer Zentrum für Disability Studies (BODYS).

Das bedeutet nicht zwingend das Ende der Disability Studies, aber ist doch ein empfindlicher Treffer eines ohnehin schon unterrepräsentierten Forschungszweiges. »Auch international wird die Entwicklung hierzulade mit Sorge verfolgt« (Pressemitteilung Disability Studies Deutschland e.V.). So gibt es zwar ein breites Spektrum an Forschungsaktivitäten und zahlreiche Lehrangebote, aber bislang keine eigenständigen Studiengänge.

Diskursverschiebung nach rechts

Die Kürzung der Professur für Disability Studies in Köln und Hamburg ist Ausdruck einer Diskursverschiebung. Sie führt dazu, dass Forschungszweige, die sich aus gesellschafts- und machtkritischer Perspektive mit sozialen Phänomenen beschäftigen, aus den Lehrplänen universitärer Bildung gestrichen werden. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis auch andere marginalisierte Positionen in der Wissenschaftslandschaft in vorauseilendem Gehorsam mundtot gemacht werden. Es könnte also etwa die Gender und Queer Studies treffen, die genau wie die Disability Studies die Marginalisierten selbst in die Forschung einbeziehen und machtkritisch forschen.

»An Hochschulen herrscht eher eine liberale Haltung, und für viele klingt es wie eine Verschwörungstheorie, wenn man darauf hinweist, dass derzeit ein Angriff auf kritische Wissenschaft läuft. Dabei existieren konkrete gesellschaftliche Kräfte, die diese rechte Agenda relativ offen vorantreiben. Die Errungenschaften, die Sie eingangs als 68er-Geschichte beschrieben haben, müssen gerade erneut verteidigt werden.« (ND vom 12.02.2026)

Diese Diskursverschiebung zeigt sich – zumindest an der Kölner Universität – auch in anderen Formaten. So möchte die Unileitung offenbar der gesellschaftlichen Stimmung in Deutschland Rechnung tragen und auch Studierenden mit ›anderen Meinungen‹ eine Heimat bieten. Deshalb werden im Rahmen der Veranstaltung »Flagge zeigen« in letzter Zeit vermehrt Themen diskutiert, die viele bereits als überwunden glaubten.

Im Januar 2026 diskutieren auf dem Podium der Präsident der Universität Potsdam Oliver Günther und die Prorektorin der Universität Köln für Lehre und Studium Beatrix Busse über Günthers Buch »Die diverse Universität: Gefahr für die Demokratie oder Garantin des Gemeinwohls?«. Allein Titel und Ankündigungstext haben Skepsis hervorgerufen und so ist an diesem Tag das Publikum zahlreich erschienen. Auch wenn der Autor später behauptet, die Frage sei selbstverständlich rhetorisch zu lesen, verstehen viele der Anwesenden sie dennoch als populistisch.

Die Frage nämlich, ob Diversität als Konzept durch Wissenschaft und universitäre Kommunikation überreizt sei und die ›normale‹ Bevölkerung gar nicht mehr erreiche, bedient rechtskonservative Narrative und verengt den Diskursraum. Wer soll mit dieser Veranstaltung adressiert werden? Mit wem möchten Mukherjee, Günther und Co. über die Bedeutung von Diversität diskutieren?

Beißreflexe von Privilegierten

Die Podiumsteilnehmenden sind sich einig: Die Öffnung nach rechts ist angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung nicht verhandelbar. Sie erachten sie sogar als notwendigen Schritt, um intern den Frieden zu wahren. Günther begründet diese Haltung mit seinen Erfahrungen im medialen Rampenlicht (Neujahrsempfang 2019, Reaktion auf Anschlag der Hamas 2023). Er scheint traumatisiert und weiß sich nicht anders zu helfen, als sich möglichst den lautstärksten Meinungsmachenden anzubiedern. Allen, die eine deutliche Abgrenzung nach rechts fordern, seien auf dem Holzweg und er wünsche »ihnen viel Erfolg mit dieser Strategie!«

Und auch Beatrix Busse fühlt sich tief verletzt von den kritischen Nachfragen aus dem Publikum. Sie scheint verbittert, weil es nicht einmal mehr genüge, eine Frau zu sein, um derlei ›Anfeindungen‹ zu entgehen. Im Gegenteil habe sie den Eindruck, sich nun auch noch dafür rechtfertigen zu müssen, dass sie weiß und mächtig sei. Die Unileitung inszeniert sich als Opfer eines wütenden Mobs, der sich erdreistet, Entscheidungen anzuprangern. Dabei wurden und werden diese über die Köpfe von Studierenden und Dozierenden hinweg gefällt.

Solidarisch am Abgrund stehen

Dass Universitäten ihre Privilegien nutzen könnten, um dem Rechtsruck entgegenzutreten oder zumindest deutlich Stellung zu beziehen, wie es die Dozierenden gegen rechts fordern, scheint – zumindest an der Uni Köln – keine gangbare Strategie zu sein. Es ist verwunderlich, weshalb die Universitäten, die trotz aller Probleme bislang als Hort von Progressivität und Diversität, Meinungsfreiheit und Toleranz galten, angesichts der aktuellen Entwicklung so leise sind. Warum sie sich lieber wegducken, als lautstark Offenheit und Freiheit zu verteidigen?

Die Antwort liegt auf der Hand: Die Verantwortlichen sind getrieben von Angst und Unsicherheit. Sie nutzen ihre Privilegien dazu, anderen ihren Status abzuerkennen. Sie hoffen darauf, dass es ihnen gedankt wird. Die Verhärtung gegen andere und das Festklammern an eigenen Vorteilen verschafft jedoch nur zeitweise Erleichterung. Langfristig wird diese Haltung keine Sicherheit bringen.

Was hilft, ist sich selbst in seiner Verletzlichkeit anzuerkennen und solidarisch auf die Verletzlichkeit der anderen zu antworten. Es geht ums Hinsehen und Zuhören, ums Zusammenrücken und Entgegenstehen.