Auswertungsmethode der qualitativen Sozialforschung: Grounded Theory

Während die Wahl der verschiedenen Zugänge zum Feld sicherstellen soll, dass die »Schweigsamkeit des Sozialen« [1] sich nicht auf die Ergebnisse der Analyse auswirkt, fordert gerade diese Vielfalt der Daten eine Auswertungsmethode, die die Spezifika des Materials berücksichtigt.
  • Bei den Transkripten handelt es sich um sequenzielle Daten,
  • diskursspezifische Daten finden sich innerhalb der Dokumente und
  • mit den Feldnotizen kommen Daten hinzu, die durch die Logik der Forscher_in [2] mitkonstruiert wurden.
Mit dieser Kombination muss nicht nur sensibel umgegangen werden, es bedarf auch einer Auswertungsmethode, die einen pragmatischen Umgang mit dieser Fülle an Daten erlaubt. Das Mittel der Wahl ist die Grounded Theory nach Anselm Strauss und Barney Glaser.

Grounded Theory

Diese Auswertungsmethode der qualitativen Sozialforschung lässt es zu, »eine theoretische Darstellung der untersuchten Wirklichkeit« [3] zu liefern und unterstützt den induktiven und zirkulären Forschungsprozess.
Dabei besteht die »wichtigste intellektuelle Tätigkeit im Auswertungsprozess […] im Vergleichen. […] Codieren kann als Verschlüsseln oder Übersetzen von Daten bezeichnet werden und umfasst die Benennung von Konzepten wie auch ihre nähere Erläuterung und Diskussion.« [4]
Nachdem also sowohl die Feldphase als auch die Interviewtermine absolviert sind, wird das Material vorerst grob gesichtet. Relativ schnell wird deutlich, ob die Erhebungsmethoden die Vielschichtigkeit und Tiefe des Phänomens in Hinblick auf die Fragestellungen erfasst haben.

Offenes Kodieren

In verschiedenen Datensitzungen wird das Material deshalb hinsichtlich der Fragestellung analysiert. Es lohnt sich, größere Gruppensitzungen mit bis zu zehn Personen anzuberaumen, aber auch kleinere Analyseteams von vier Personen, die sich dem Material widmen, sind ausreichend, um verschiedene Lesarten herauszuarbeiten. Je mehr Personen, desto umfassender wird der Interpretationsprozess.
»Interpretationen in Gruppen sind eine diskursive Form der Herstellung von Intersubjektivität und Nachvollziehbarkeit durch expliziten Umgang mit Daten und deren Interpretation.« [5]
Gemäß der Methode der Grounded Theory werden einzelne Passagen von Interviews, Dokumenten oder Forschungstagebüchern, die thematische Verbindungen aufwiesen – Was bedeutet das Phänomen für die Befragten? Wie stellen sie sich das Phänomen in der Zukunft vor? –, zunächst offen kodiert und erste Konzepte gesammelt.

Konzeptsammlung und Kategoriesierung

Anschließend werden einzelne Phänomene immer mehr eingekreist, um schließlich diejenigen Kategorien zu identifizieren, die sich im gesamten Material wiederfinden lassen und als besonders relevant für die Beschreibung und Erklärung des Phänomens herauskristallisieren. Allerdings bleibt zu betonen:
»Die Suche nach Ordnung ist […] nie endgültig abgeschlossen und immer auf Widerruf vorgenommen.« [6] Nichtsdestotrotz ist irgendwann ein gewisser Grad an Sättigung der Konzepte zu verzeichnen.

[1] Kalthoff, Herbert: Beobachtung und Ethnographie, in: Ayaß, Ruth/Bergmann, Jörg (Hg.): Qualitative Methoden der Medienforschung, Hamburg 2006, S. 161.
[2] Lüders, Christian: Beobachten im Feld und Ethnographie, in: Flick, Uwe/Kardorff, Ernst von/Steinke, Ines: Qualitative Forschung. Ein Handbuch, Reinbek bei Hamburg 2007, S. 396.
[3] Strauss, Anselm/Corbin, Juliet: Grounded Theory. Grundlagen qualitativer Sozialforschung, Weinheim 1996, S. 8f.
[4] Böhm, Andreas: Theoretisches Codieren. Textanalyse in der Grounded Theory, in: Flick, Uwe/Kardorff, Ernst von/Steinke, Ines (Hg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch, Reinbek 2007, S. 476.
[5] Steinke, Ines: Gütekriterien qualitativer Forschung, in: Flick, Uwe/Kardorff, Ernst von/Steinke, Ines: Qualitative Forschung. Ein Handbuch, Reinbek bei Hamburg 2007, S. 326.
[6] Reichertz, Jo: Abduktion, Deduktion und Induktion in der qualitativen Forschung, in: Flick, Uwe/Kardorff, Ernst von/Steinke, Ines: (Hg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch, Reinbek bei Hamburg 2007, S. 284.

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